Flaschenpost ins Mittelmeer

BeraTina Text Flaschenpost Fremd im fremden Land durch Flucht

Das Meer ist weit

Jeden Freitag nach dem Gebet geht er zur Brücke, wirft eine Flasche mit einem Brief an Mayla, Yara und Enes in den Rhein. Herbert hat gesagt: „… und am Ende fließt der Fluss ins Meer!“ Herbert hat auch gesagt, dass es  eine ziemlich lange Zeit braucht, weil es bis zur Mündung ins Meer ein sehr weiter Weg ist.

Yasin weiß, was ein weiter Weg ist. Er ist ihn gegangen, geschwommen und manchmal auch gekrochen, wenn die Beine ihn nicht mehr getragen haben. 

Flucht ueber as Meer Kurzgeschichte Martina Decker

Von Damaskus nach Passau, das ist ein weiter Weg.

310 Stunden zu Fuß – bis Bodrum in der Türkei.
Von dort mit dem überfüllten Schlepperboot übers Meer nach Kos.
1000 Euro für Hoffnung und Todesangst.
30 Stunden mit der Fähre nach Thessaloniki. 
Noch lange nicht in Deutschland. Aber bald! Nur 320 Stunden entfernt ist Passau- zu Fuß.

„Mayla, wenn ich angekommen bin und genug Geld zusammengespart habe, kommen du und die Kinder nach“, hatte er beim Abschied gesagt. Und: „Enes, mein Sohn, gib gut Acht auf deine Mutter und Schwester.“ 

Dann war er den Männern in die Dunkelheit hinein gefolgt.

Vier Jahre waren seither vergangen.

Und endlich würde die lange Zeit der Trennung ein Ende haben. „Sie sind auf dem Weg“, lautete die befreiende Nachricht an ihn – geschickt von Vertrauten, überbracht von einem, den er nicht kannte.

Ungeduldig erwartete Yasin jeden Bus  mit Neuankömmlingen, hörte die Geschichten der anderen, fragte immer wieder: „Sind meine Mayla und die beiden Kinder bei euch? Weiß jemand was? Vielleicht aus einem anderen Lager?“ Hoffnungsvoll zeigte er das Foto, aufgenommen, als die Welt um seine Familie herum noch in Ordnung gewesen war. 

Niemand wusste von Mayla.

Stattdessen gab es immer mehr beunruhigende Nachrichten. fliehen nach Deutschland ueber das Meer Kurzgeschichte Martina DeckerSo viele Boote sanken vor der Küste. Und dann kam einer, legte Yasin fest die Hand auf die Schulter und sagte: „Sie werden nicht kommen. Die Überfahrt von Bodrum nach Kos … ein Sturm … Wellen, haushoch …

Yasin hatte geweint, geschrien, es eine Lüge genannt. Er hatte Allah verflucht und dann doch Trost im Gebet gesucht. In seinem Schmerz schrieb Yasin den ersten Liebesbrief seines Lebens.

„Geliebte Mayla …“

Alles, was er ihr hatte nach der Ankunft sagen wollen, floss zu Papier. Aber am Ende  gab es keinen Ort, an den er diesen Brief hätte senden können. Nur ein nasses Grab irgendwo im Mittelmeer. Niemals würden seine Worte zu ihr finden, ging es ihm durch den Sinn. Schon hatte er das Papier fest in seine Hände genommen, wollte es zerreißen und die Fetzen dem Wind überlassen, da setzte sich Herbert zu ihm. Sah ihn an, als wüsste er, was gleich passieren sollte und fragte beinahe beiläufig: „Weißt du eigentlich, dass der Fluss, der durch unsere wunderschöne Stadt fließt, ins Meer mündet?“

Über Yasins Gesicht zog ein zaghaftes Lächeln.

Mit Allahs Hilfe würden seine Briefe Mayla doch erreichen. Allah würde dem Strom die Richtung weisen und das Wasser würde ihm gehorchen.

Ein Gedicht zu diesem Thema findest du hier.

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