Hermine isst bewusst!

Mal wieder ein neuer Lebensmittelskandal in den Medien – dieses Mal sind es verseuchte Eier.  Was soll man denn überhaupt noch essen?

Das fragt sich auch Hermine, die Protagonistin der folgenden Geschichte. 

Hermine isst bewusst

© Martina Decker

Entspannt werkelt Hermine in der Küche. Auf dem Herd brutzelt mit leisen Zischgeräuschen ein Tofuschnitzel in der Pfanne. Kurz schaut sie auf und verschwindet dann für einen Augenblick nach draußen in den Garten. Zielstrebig geht sie an den Salatreihen vorbei, wirft einen Blick auf die üppig rankenden Bohnen und bleibt schließlich vor den mächtigen Tomatenstauden stehen. Dicke, reife Früchte leuchten ihr in einem satten Rot entgegen. Hermine greift die unteren Zipfel ihrer Schürze und legt drei besonders schöne Tomaten in die so entstandene Tasche.

Wieder zurück in der Küche wäscht und schneidet sie diese ordentlich und richtet sie appetitlich mit dem fertigen Tofuschnitzel an.

Manchmal denkt sie noch an die alten Zeiten. Als August noch bei ihr war und es jeden Sonntag einen großen Braten gab. Wie er schimpfte, wenn das Wiener Schnitzel nicht rechts und links über den Tellerrand hing oder wie verärgert er seinen Teller weg schob, wenn es mal was „ohne Fleisch“ gegeben hatte.

„Ach Quatsch! Du bist eine sentimentale Ziege“ schalt sich Hermine in Gedanken selbst. August war längst „Geschichte“, genauso wie die Schnitzel und der sonntägliche Braten.

Ersterer lebte seit Jahren bei Heide und die beiden Anderen kamen ihr nicht mehr auf den Tisch. Das hatte Hermine sich und der Welt vor vielen Jahren geschworen und wer Hermine kannte, wusste, niemals würde sie einen einmal geleisteten Schwur brechen.

Ihr Schicksal, das auch Augusts werden würde, weil es ihn in letzter Konsequenz erst in die Arme von Heide trieb, nahm seine Wendung an einem ganz gewöhnlichen Dienstagabend um 20 Uhr. Sie hatten beide gut zu Abend gegessen – Rumpsteak mit Bratkartoffeln – und warteten auf die Tagesschau. Und dann wurden dort diese grauenhaften Bilder gezeigt, von wahnsinnigen Rindviechern, die hilflos in den Ställen rumtorkelten und jämmerlich verendeten, wenn sie der Bauer nicht vorher in einem Akt der Gnade tötete.

Immer wieder in den folgenden Wochen gab es neue Erkenntnisse und  erschreckende Schlagzeilen in den Gazetten. Als auch die Gefahr für den Menschen bekannt wurde, verkündete Hermine: “Mein lieber August! Ab heute gibt es in diesem Haus kein Rindfleisch mehr! Kein Steak, keinen Braten und auch deine heiß geliebten Markklößchen werde ich nicht mehr zubereiten!“

August sah sie entgeistert an. „Hauptsache, es kommt überhaupt noch Fleisch auf den Tisch“ brummte er, nur um wenigstens ein bisschen seinen Standpunkt zu vertreten. Mit Hermine zu diskutieren hatte er sich schon lange abgewöhnt.

Die Monate gingen dahin und alles schien in bester Ordnung, als plötzlich aller Orten die Schweinpest das Thema des Tages war. Betroffen und wütend verfolgte Hermine die Berichterstattung. So erfuhr sie auch ganz nebenbei von den vielen Medikamenten – unter anderem Antibiotika -, die so ein armes Schwein bis zur Schlachtung zu fressen hatte und welche Gefahren davon für den Verbraucher ausgingen. „Stell’ Dir mal vor, mein lieber August, Du hast eine schwere Grippe und das Antibiotika wirkt nicht, weil die Erreger wegen den vielen Schweinschnitzeln und der Wurst dagegen resistent geworden sind. Nur, damit das klar ist: Ab sofort gibt es in diesem Haushalt kein Schweinfleisch mehr!“

August wollte aufbrausen, um sein geliebtes Fleisch auf dem Teller kämpfen, aber Hermines Haltung und ihr entschlossener Gesichtsausdruck ließen keinen Zweifel daran, dass er mal wieder den Kürzere ziehen würde.

Von nun an musste er sich mit Geflügel und Fisch begnügen. Doch schon kurz darauf verschwand auch der Fisch – diesmal gänzlich ohne Worte – aus Hermines Küche. Zu viele Würmer in Heringen, Schwermetalle in Schalentieren und so weiter.

Klaglos kaute August die Straußensteaks, nagte an Hähnchenkeulen und genoss sonntags den  Putenkeulenbraten. Nur, wenn er sicher war, dass Hermine ihn nicht hörte, nörgelte er leise: „Wenn das so weiter geht, wachsen mir noch Flügel und Federn.“ Inständig hoffte er, der liebe Gott möge bitte keine weitere Tierseuche über die Welt bringen.

Doch dann kam H5N1 – die Vogelgrippe. Hoch ansteckend und auch für Menschen gefährlich. Der halbe Globus war schon verseucht. Entsetzt hatte August die Schlagzeilen in der Boulevardpresse gelesen und ahnte, was ihm nun bevorstehen würde. Aber so sehr er auch mit kleinen Lügen  wie „Leider ist der Fernseher kaputt“ und „Ich liebe Einkaufen gehen, bitte, ich mach die Besorgungen“ versuchte, Hermine von den Nachrichten fernzuhalten, es kam der Tag, an dem sie es erfuhr. Damit begann für August eine fleischlose, sehr gemüsereiche Zeit. Um jeder Art von Mangelerscheinung aus dem Weg zu gehen, legte ihm Hermine Eisentabletten neben die Kaffeetasse und erwarb ein reichhaltiges Sortiment an weiteren Nahrungsergänzungsmitteln.

Als sie dann aber begann, auch noch den kleinen Garten hinterm Haus umzugraben, da reichte es ihm endgültig. Sie hatte die wunderbaren Hortensien gegen Tomaten und die Rosen gegen Bohnen getauscht. Wo noch vor wenigen Tagen der wunderbare Trompetenbaum gestanden hatte, entstanden Salatbeete und ein Kräutergarten, sogar  Mangold und Kartoffeln bekamen einen Platz, ebenso wie Möhren und Rote Beete. „Glaub mir August“ verkündete sie in der ihr so eigenen, kompromisslosen Art, „das ist viel gesünder. Auf dem Zeug, das wir kaufen, sind so viele Pestizide, das kann ja nicht gesund sein. Und billiger ist es auch! Da mache ich mir doch gerne die ganze Arbeit!“

August schüttelte nur den Kopf. „Ganz, wie Du meinst, Hermine“ antwortete er und wandte sich ab. Ohne ein weiteres Wort packte er seinen Koffer und kurze Zeit später fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Es war der Tag, an dem er bei Heide eingezogen war. Heide, diese Verräterin, die sich jahrelang ihre Freundin genannt hatte und die seit Wochen schon ihrem August Schnitzel briet und Braten in den Ofen schob. Immer, wenn Hermine ihn beim Stammtisch gewähnt hatte, war er zu ihr gegangen und sie hatte es nicht bemerkt.

Aber die beiden  würden ihrer gerechten Strafe schon nicht entgehen. Da ist sich Hermine ganz sicher.

Augusts und Heides Cholesterinspiegel würden mit den Jahren ins Unermessliche steigen. Arteriosklerose und Herzinfarkt wären die Folge, würden sie womöglich gar dahin raffen.

Vielleicht würde auch eine kleine Virusinfektion zur tödlichen Bedrohung für ihre mit schweinischem Antibiotikum voll gepumpten Körper werden.

Trichinen und Würmer konnten ihre Därme zerfressen oder Salmonellen sie so quälen, dass sie wünschten, sich niemals für diese unsägliche Tischgemeinschaft entschieden zu haben.

Ja und vielleicht … bei diesem Gedanken verzieht Hermine das Gesicht zu einem hämischen Grinsen, vielleicht würde sogar einer von beiden den Rinderwahnsinn kriegen.

Nicht, dass sie ihnen auch nur irgendetwas davon wünschen würde. Um Himmels Willen, nein! Das wäre ja grausam. Schließlich hatte sie August einmal von ganzem Herzen geliebt. Und Heide war bis zu diesem Tag, als alles herausgekommen war, ihre Freundin gewesen.

Aber wenn … dann gab es dafür nur eine Erklärung: Selbst dran Schuld! Wer nicht hören will, muss fühlen.

Hermine schaut nachdenklich auf ihr Essen. Das Tofuschnitzel duftet verlockend, trotzdem scheint ihr Hunger mit einem Male verflogen.

Häufiger war ihr jetzt schon zu Ohren gekommen, dass mit dem Soja auch nicht alles in bester Ordnung sein soll. Da wäre irgendwie genmanipuliert worden oder so.

Entschlossen schiebt sie den Teller weg, stochert gedankenverloren in dem Tomatensalat herum.

Gleich nach dem Abwasch, da würde sie sich mal näher informieren.

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4 Kommentare

  1. Liebe Martina,
    vielen Dank für die herrliche Geschichte!
    Die Menschen sagen oft: „Liebe geht durch den Magen.“ Ich habe aber schon oft erlebt, dass die Geschmäcker verschieden sind. Da meint jemand, etwas Gutes zu kochen, was einem anderen gar nicht schmeckt.
    (Das Gegenteil von GUT ist GUT GEMEINT)

    Gruß Heinrich

  2. Pingback: Gutes Essen für August, « Heinrichs Blog

    • Hallo Herr Heinrich!
      Hallo Nikola!
      Danke! Ich freue mich immer, wenn ich jemandem den Tag erhellen konnte :o) .

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