Hier kommt Hor sT

Martina Decker - BeraTina

 

Hier kommt Hor sT

(c) Martina Decker 08/2016

Es war ein regnerischer, kühler 20. März.
In der Post lag zu meiner großen Verwunderung ein Brief von Tante Priscilla aus Siatafan. Seit ich vor Jahren unser kleines Dorf verlassen hatte und weit entfernt mein eigenes Leben lebte, war der Kontakt bis auf die obligatorischen Grüße zu Geburtstagen und Weihnachten abgebrochen.

»Tascha, geliebtes Kind«, las ich und in Gedanken hörte ich Tante Priscillas Stimme. Niemand sagte so »Tascha«, wie sie es tat. Erinnerungen überrollten mich aus längst vergessen geglaubten Zeiten. An Sommerferien im Haus von Tante Priscilla: Ich bastelte aus ihren Edelsteinen bunte Mosaike und spielte mit ihren Tarotkarten Memory; sah sie mit Menschen hinter dem schweren Vorhang aus dunkelrotem Samt verschwinden; hörte das Gemurmel ihrer Beschwörungen und das Seufzen ihrer Gäste. Tante Priscilla sagte nie Kunden. Wie sie kamen, waren sie ihre Gäste, wurden mit Kräutertee und Gebäck bewirtet, von dem zu naschen mir strengstens untersagt war.

»Tascha, geliebtes Kind«, begann ich noch einmal, »wenn du diesen Brief erhältst, werde ich bereits weit fort sein. Es ist für mich an der Zeit, in eine andere Welt zu wechseln. Sei nicht traurig – es wird mir dort gut gehen. Leider kann ich Horst nicht mit auf diese Reise nehmen. Darum bitte ich dich, ihn aufzunehmen. Er war mir viele Jahre ein treuer und inspirierender Gefährte. Ich bin mir sicher, er wird auch dein Leben bereichern und …«
Ich atmete tief durch und wischte mir mit dem Handrücken über das Gesicht. Tante Priscilla war auf die Reise in eine andere Welt gegangen. In mir wurde es ganz still.

Und ausgerechnet da läutete es an der Tür. Ich legte den Brief mit einem Seufzer zur Seite und öffnete. »Hallöchen! Ich bin Horst. Tante Priscilla schickt mich.«
»Oh mein Gott!« Mehr brachte ich nicht über die Lippen. Horst war ein Hor sT – ein gehörntes spirituelles Tier, den Meisten besser bekannt als Einhorn. Ich hatte Tante Priscilla davon erzählen hören, aber nie eines gesehen, geschweige denn gewusst, dass sie eines besaß. Wie um alles in der Welt war sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet mir die Fürsorge dafür zu übertragen?
»Darf ich eintreten?« Das Hor sT grinste breit. »Die Nachbarin starrt mich schon die ganze Zeit an.«
Eilig gab ich die Tür frei. Tänzelnd trabte Horst in die Diele. »Ob ich wohl einen Schluck Wasser haben könnte?«, fragte er. »Gerne mit etwas Wacholdersirup. Dann schmeckt es nicht so fad. Und eine Kleinigkeit zu essen wäre auch toll.«

Ich hatte gerade den alten Zinkeimer gefüllt und den Inhalt meines Kühlschranks inspiziert, da läutete es erneut. »Beweg dich nicht von der Stelle!«, raunte ich Horst zu, wischte die Hände am Hosenboden ab und öffnete. Dieses Mal war es die Nachbarin. »Nein, Sie haben KEIN Einhorn vor meiner Tür stehen sehen! Haben Sie schon Ihre Tabletten genommen?«, fragte ich streng. »Und rieche da vielleicht ein kleines Schnäpschen?« Im Haus wusste jeder, dass sie gerne schon zum Frühstück ein bisschen Obst im Glas hatte. Sie sah mich großen Augen an. »Also daran …«
»Oh doch, genau daran …«, sagte ich und schloss geräuschvoll die Tür.

»Und jetzt zu dir«, wandte ich mich an Horst. Er hatte während des Gesprächs ein großzügiges Frühstück bestehend aus einem Glas Erdbeermarmelade, einer Tüte Marshmallows und dem ganzen Vorrat an frischen Küchenkräutern verspeist und dabei die Küche in ein Schlachtfeld verwandelt: Der mit Wasser und Wacholdersirup gefüllte Eimer war umgestoßen, träge rann die Flüssigkeit durch die Fugen der Bodenfliesen. In kleinen Pfützen schwammen blaue Marshmallows, Marmeladenspritzer pappten an den Schränken.
Horst war mein entsetzter Blick nicht entgangen. »Tut mir leid, das mit dem Eimer. Ich habe einen leichten Tremor in meinem rechten Vorderhuf. Manchmal zuckt es einfach. Und die blauen Marshmallows vertrage ich nicht. Davon muss ich immer pupsen.« Als wäre das das Stichwort, zog eine pinkfarbene Duftwolke unter seinem Schweif hervor. Horst grinste verlegen. »Tschuldigung.«
Ich schüttelte den Kopf. »So leid es mir tut, aber du kannst nicht hierbleiben. Ich habe keine Zeit und auch keine Verwendung für ein Einhorn.«

Einen Moment lang sahen wir uns schweigend an.
»Klingt logisch, ist aber völliger Unsinn.« Horst schritt gemächlich auf mich zu. »Außerdem muss ich dir mitteilen, dass du einen geerbten Horst nicht zurückschicken kannst. Nach §777, Abschnitt C, Absatz F der Verordnung über das Anschaffen, Halten und die Weitergabe von spirituellen Tieren, hier im Speziellen ein Horst, ist das Einlassen in den persönlichen Lebensraum mit der verbindlichen Fürsorgeübernahme auf Lebenszeit gleichzusetzen.«
»Ich hätte dich also nur nicht reinlassen dürfen?«
»Jepp!«
»Und warum hast du mich nicht vorher darauf hingewiesen?«
»Muss ich vergessen haben.«
»Du lügst!«
»Vielleicht …« Er stupste mich sanft an. Seine schwarzen Augen suchten meinen Blick. »Tascha, Denk an Tante Priscilla. Es war ihr letzter Wille.«

Ich saß in der moralischen Falle. Und in der vertraglichen, wenn es stimmte, was Horst aus §777 zur Begründung angeführt hatte.
»Glaub mir, du wirst es nicht bereuen, großes Einhorn-Ehrenwort,« setzte Horst nach und riss nach einem gierigen Seitenblick hastig einen Trieb vom Asparagus ab, der auf dem Regal neben dem Fenster stand. Der Topf wackelte, fiel zu Boden und zerbrach. Erde und Pflanzenteile mischten sich mit Wasser und Wacholdersirup und blauen Marshmallows. Mit einem leisen Zischen stieg eine kleine pinkfarbene Wolke zur Decke empor.

Es war Frühlingsanfang und ich ahnte, dass ab heute nichts mehr so sein würde, wie es einmal gewesen war. »OK«, sagte ich heiser. »Willkommen in deinem neuen Zuhause, Horst.«

***

Hier geht es weiter zu Teil 2 – Hor sT zieht ein

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