Hor sT zieht ein

»Ach, da freue ich mich aber!« Horst grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Dann würde ich mich jetzt gerne ein wenig frisch machen. Die Anreise war doch etwas anstrengend. Zeigst du mir bitte meine Stallungen.«
»Deine Stallungen?«
»Ja, meine Schlafbox und meinen Paddock. Ich mache morgens immer gerne ein bisschen Gymnastik.« Er tänzelte nervös ein bisschen hin und her. »Aber wenn du mir bitte zuvor freundlicherweise noch zeigen könntest, wo es für kleine Einhörner …«
»Du meinst …«
»Hm hm und bitte, es eilt ein wenig.«
»Zweite Tür rechts ist die Gästetoilette, aber …«

Horst trabte los. Ich hörte ihn entsetzt aufwiehern und ein »egal, es muss sein!« murmeln. Umständlich, aber letztlich erfolgreich, zwängte er seinen vollschlanken Einhornkörper in den nur sechs Quadratmeter kleinen Raum. Ich begann die Küche aufzuräumen.
»So Tascha Schatz, da bin ich wieder! Zeigst du mir jetzt die Stallungen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Die Sache ist folgendermaßen: Dies hier ist eine kleine Mietwohnung. 60 Quadratmeter plus Balkon.«
Horst sah mich mit großen Augen an.« Echt jetzt? Keine Stallungen? Auch kein Paddock? Und wenn ich muss, dann muss ich …?« Mit einem dramatischen Augenaufschlag schaute er gen Himmel. »Priscilla! Was um Himmels willen hast du dir dabei gedacht?«
»An der Antwort wäre ich auch interessiert. Sag mir Bescheid, sobald sie geantwortet hat.«

Während Horst wo immer auch hinlauschte, wischte ich die Marmeladenspritzer von den Schrankfronten.
»Sie ist nicht da!«, sagte er irgendwann bekümmert.
»Wer?«
»Priscilla!«
»Ach wie schade!«
»Das ist kein Grund, sarkastisch zu werden. Sag mir lieber, wo ich jetzt meine Sachen abstellen soll und wo ich schlafen werde. Und hast du vielleicht Stroh? Da«, er deutete auf das Gäste WC, »geh ich nicht mehr rein. Abgesehen davon ist es absolut nicht in Ordnung, dass meine wunderbaren Einhornäpfel in den Kanal gespült werden. Damit kannst du hervorragend dein Gemüse und die Blumen düngen.«
»Das wächst auch so ganz gut, danke! Ich habe nicht vor, in deiner … Na ja, lassen wir das.«
»Mein Mist ist aber hyper magisch!«, trumpfte Horst auf.
»Schön, wenn man an die Sachen glaubt, die man produziert.« Ich sah Horst direkt an. »Ich will deine Einhornäpfel trotzdem nicht!«
»Du wirst deine Meinung noch ändern.«
»Wenn du meinst. Aber jetzt räume ich dir erst einmal die Besenkammer frei.«
»Besenkammer? Dios mio …«
»Jetzt hör schon auf zu jammern. Für den Anfang wird es reichen müssen. Brauchst du irgendetwas Spezielles, damit du dich wohlfühlst?«
»Ein Fernseher wäre toll. Einen großen Futternapf für meine Betthupferl – kennst du diesen kleinen Schokoladentäfelchen mit den lustigen Gesichtern auf der Verpackung? Nein? Macht nichts. Wenn wir morgen zusammen einkaufen gehen, dann zeige ich sie dir.« Horst dachte nach. »Dann brauche ich noch einen standsicheren Eimer für das Wasser-Wacholdergemisch. Ich wache nachts immer auf und habe Durst. Und eine große Kiste mit Stroh – du weißt schon.«
»Unbescheidenheit kann man dir wirklich nicht vorwerfen. Wie um Himmelswillen sollen wir das alles in die kleine Kammer bekommen?«
»Lass mich mal,« Horst klang so entschlossen, dass ich sofort beiseite ging.Er stellte sich mittig in den Türrahmen; kratzte zweimal mit dem linken Vorderhuf und stampfte viermal mit dem rechten Hinterhuf. Er schnaubte, wieherte und klopfte schließlich sieben Mal mit dem Horn gegen jede Wand. Es gab einen lauten Knall und Peng! standen wir in einem modernen Stall mit Blick auf eine saftig grüne Wiese und einen kleinen Paddock.
»Ja, so hab ich mir das vorgestellt.« Horst war sehr zufrieden. »Gefällt es dir auch?«
»Das ist … das war … »Mehr brachte ich nicht heraus.
»Einhorn-Magie. Ich gebe zu, ich hatte gehofft, dich damit überraschen zu können.« Seine Augen blitzten vor Vergnügen. »Hast du echt gedacht, ich hätte sowas nicht drauf?«
»Keine Ahnung, was ich gedacht habe. Warum hast du das nicht gleich erzählt?«
»Priscilla hat gesagt, die meisten Probleme lassen sich auch mit Nachdenken und ohne Zauberei lösen.«
»Tante Priscilla? Ich denke, sie war nicht da!«
»Hab gelogen.«
»Horst, wir müssen reden!«
»Wir reden schon die ganze Zeit.«
»Über dich! Über deine … Magie und was mir sonst noch so einfällt.«
»Von mir aus!« Horst kaute genüsslich ein paar Halme frisches Heu. »Aber erst packe ich aus! Und mache mich frisch.«
Ich nickte. »Komm einfach rüber, wenn du soweit bist!«
»Geht klar!« Horst drehte das Wasser in seiner Duschecke auf.

Als ich die Tür hinter mir schloss, sang er ein Lied über Elfen und Einhörner in der Fremde.

***

Demnächst geht es weiter mit Hor sT und Tascha.Bis dahin viele Grüße Eure BeraTina