Leichte Sprache – Kommentar – Diskussion

Ich bin BeraTina und ich mach Leichte Sprache und Einfache Sprache

Vorteile von Leichte(rer) Sprache im Internet

Dazu gab es kürzlich von mir einen Gastbeitrag bei Super Sabine. Er ist die Grundlage für den im Folgenden zitierten und am Endes Beitrags veröffentlichten Kommentar von Dr. phil. D. Weigel. Ursprünglich war der Kommentar als Antwort direkt unter dem Beitrag bei Super Sabine gedacht. Doch die Technik spielte nicht mit. Herr Dr. phil. D. Weigel hat ihn mir deswegen per Mail zugesandt und mir erlaubt, ihn in diesem Rahmen zu veröffentlichen. 

In der Essenz des angesprochenen Gastbeitrags geht es darum, leicht lesbare Texte für Websites zu verfassen, die Lesern Freude machen. Weil sie gut verständlich sind. Weil sie die Botschaft oder das Angebot nicht verschleiern. Ein klar und deutlich formuliertes Angebot stärkt das Vertrauen in den Anbieter und unterstützt seine Wieder-Erkennbarkeit. Abgesehen davon kann ein gut formulierter und verständlich strukturierter Text  mehr Leser ansprechen und ihnen vom Angebot „erzählen“.

Wo der – vielleicht durch eine Sehschwäche oder eine Sprachbarriere beeinträchtigte – Leser beim Fachtext oder einem komplex aufgebauten Text aussteigen muss, weil er nicht sieht oder versteht,  kann er der Leichteren Sprache einfacher folgen und bei Interesse und Bedarf das offerierte Angebot annehmen. 

Ich arbeite mit und favorisiere Leichtere(r) Sprache

Ich erläutere darüber hinaus in dem Gastbeitrag die Ursprünge der Leichten Sprache und die „echte“ Zielgruppe. Das ist wichtig, denn Leichte Sprache wurde für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt für mehr Teilhabe und mehr Wissen – für Inklusion. 

Ich nutze in meinen Texten die Mechanismen und Zielsetzungen der Leichten Sprache, breche aber ganz bewusst immer wieder die strengen (wenngleich für die ursprüngliche Zielgruppe wichtigen) Regeln. Denn viele meiner Leser*innen – wie auch die Leser*innen unzähliger anderer Websites – haben ja gar keine kognitiven Einschränkungen. Sie haben es nur eilig oder eine andere Muttersprache oder …

Ich bin BeraTina und ich mache Texte leichter und optimiere sieIch spreche darum hier auf dem Blog und bei meiner Arbeit grundsätzlich von der Anwendung Leichterer Sprache zur gelingenden Texterstellung. Es ist mir wichtig, dass noch einmal in aller Deutlichkeit zu erwähnen. Weil es mir nämlich ebenso viel Freude macht, poesievolle, wortreiche und verschnörkelte Texte zu schreiben. Weil ich Lyrik mag und märchenhafte, ausschweifende Erzählungen.

Dietmar – zur Info: Wir kennen uns auch privat, daher das Du – hat den Inhalt seines Beitrags mit dem letzten Satz für mich eindeutig zur Diskussion gestellt. Und da möchte ich dann jetzt einsteigen:

Ich stimme ihm aus vollem Herzen zu, wenn er schreibt:

Die Welt ist bunt und manchmal braucht es eben ein paar mehr Worte, um einer Sache in ausgewogener Weise gerecht zu werden.

Klares Ja auch für seine Aussage:

… Sprache strukturiert die Gedanken …,

während ich bei der Fortführung dieses Satzes schon nicht mehr ganz dabei bin:

… und vor einer Simplifizierung ist zu warnen.

Jedes Genre hat seine eigenen Bedürfnisse, seine eigenen Mechanismen und muss individuelle Erwartungen erfüllen, die an es gestellt werden. Sprache ist  ein (sehr flexibles) Produkt, das gelebt wird. Und sich entsprechend seinem Lebensraum anpasst.

Viele Autor*innen nicht nur in meinem Netzwerk stehen für komplexe Sprache und Wortkunst– hier verweise ich auch gerne auf das Interview mit dem Autoren Dietmar Weigel .

Diese Autor*innen schreiben anspruchsvolle Lyrik und gekonnt strukturierte Prosa und bieten so grundsätzlich allen Menschen einen anspruchsvollen Wort-Raum.  

Sprechen und Sprach gehören zusammen bei der Textoptimierung und bei BeraTina

Massiver Widerstand regt sich in mir hier:

Im Hinblick auf Wissenschaft, Wirtschaft und gerade auch bei gesellschaftspolitischen Themen haben wir es mit einer Komplexität zu tun, bei der eine differenzierte Betrachtung erlaubt sein muss – ja, sie erscheint mir sogar geboten.

Ich möchte nicht glauben, dass kompetente Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft nicht in der Lage sein könnten, auch komplexe Zusammenhänge so darzulegen, dass in diesen Themen weniger bewanderte Menschen sie verstehen. Eine differenzierte Betrachtung bedarf meiner Meinung nach nicht zwingend einer schweren Sprache, sondern lediglich viel mehr Wörter, weil Begrifflichkeiten erläutert werden müssen.

Leichte und Einfache Sprache sind als Zusatzangebot für die heute weit in den Fokus gerückte Inklusion von Menschen mit Lernschwierigkeiten mehr als wichtig. Mit diesen beiden Zusatzangeboten werden Wissen und Informationen auf möglichst viele Menschen verteilt.  Nur wer Zugang zu Informationen und Wissen hat, kann selbstbestimmt leben und mitreden. Und das gilt auch für die, die sich aus anderen Gründen der komplexeren Sprache verweigern. 

Lese- und Schreibkompetenz sind erlernbar

Ich sehe natürlich auch Menschen, die kaum noch einen Satz fehlerfrei zu Papier bringen können oder einfach achtlos mit Rechtschreibung und Grammatik umgehen. Und ich stelle mir die Fragen:

  • Sind es kognitive /(fremd)sprachliche Einschränkungen oder hat ihnen nur nie jemand diese wunderbaren, fantasievollen Wort-Räume gezeigt?
  • Haben wir vergessen, sie einzuladen oder haben wir vor-geurteilt, dass es sie sowieso nicht interessieren würde? Sie es nicht verstehen werden?
  • Waren wir zu ungeduldig, haben wir den falschen Wort-Raum gezeigt und so gleich am Anfang für Demotivation gesorgt?
  • Waren wir nicht interessiert und haben dieses Desinteresse projiziert?

Je früher damit begonnen wird, Lese- und Schreibkompetenz zu erwerben, umso besser. Aber grundsätzlich ist es nie zu spät. Und beinahe möchte ich sagen: „Hier schließt sich der Kreis.“ Vielleicht sind es dann gerade Texte in Leichterer Sprache, die locken könnten? Weil sie kurz sind und die Geduld nicht überstrapazieren?

Der Kommentar zu Leichte Sprache und Einfach Sprache

Und damit kommt jetzt auch endlich Dietmar selbst zu Wort:

Hallo miteinander,D.Weigel mit seinem Kommentar zur Leichten Sprache

ich kann die bisherige Diskussion im Großen und Ganzen nachvollziehen. Besonders überzeugend finde ich die Prinzipien

  • nichts komplizierter ausdrücken, als es ist,
  • leichte und einfache Sprache als Zusatzangebot verstehen.

Ein paar weitere Überlegungen sind mir aber noch wichtig:

Es geht ja nicht nur darum, dass komplizierte Sprache den (vermeintlich) Gebildeten und leichte/einfache Sprache den (vermeintlich) Doofen zugeordnet wird. Und es gibt durchaus einen Unterschied zwischen komplizierter und anspruchsvoller Ausdrucksweise. Auch in anspruchsvoller Ausdrucksweise kommt ja, ebenso wie in leichter/einfacher Sprache, Sprachkompetenz zum Ausdruck. Man kann natürlich festhalten: Wer kompliziertes Kauderwelsch daherbringt, hat im Grunde nicht wirklich was zu sagen – wer aber platt daher quatscht, genauso wenig.

Immerhin wissen wir ja, dass die Welt und das Leben nicht einfach sind. Ich sehe durchaus die Gefahr, dass leichte/einfache Sprache als Instrument für werbepsychologisch ausgerichtete Manipulationen (Husten und Atembeschwerden? Schuld sind die Schleimmonster!) oder auch für politische Beeinflussung (Einwanderer? Die untergraben die deutschen Werte!) missbraucht werden kann – bestimmt auch schon häufiger missbraucht wurde. So sollen dann Information, Aufklärung, Meinungsbildung entstehen? Die Welt ist bunt und manchmal braucht es eben ein paar mehr Worte, um einer Sache in ausgewogener Weise gerecht zu werden.

Klar, – es ist verständlich, dass die Menschen auf schwierige Fragen einfache Antworten haben wollen. Ich halte es aber für sehr bedenklich, schwierige Fragen stets mit einfachen Antworten abzutun. Im Hinblick auf Wissenschaft, Wirtschaft und gerade auch bei gesellschaftspolitischen Themen haben wir es mit einer Komplexität zu tun, bei der eine differenzierte Betrachtung erlaubt sein muss – ja, sie erscheint mir sogar geboten. Sprache strukturiert die Gedanken und vor einer Simplifizierung ist zu warnen. Es ist ja nicht nur zu überlegen, welche Vorteile die Zielgruppe von leichter/einfacher Sprache hat, sondern vielmehr auch, was sie für bestimmte wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen bringt.

In der Diskussion um leichte/einfache Sprache schwingt nach meiner Wahrnehmung viel zu sehr die These mit, Komplexität und Differenziertheit seien etwas Überflüssiges oder gar Verwerfliches. Da vertrete ich eine andere Position. Möglicherweise sind Komplexität und Differenziertheit nicht mehr zeitgemäß. Das kann ja sein. Da will ich gar nicht widersprechen. Aber Grund zum Aufatmen besteht deshalb ja nicht. Ich glaube zwar nicht, dass leichte/einfache Sprache (an und für sich) bedenkliche oder gefährliche Ziele verfolgt, aber meines Erachtens müsste vielmehr hinterfragt werden: Wer nutzt leichte/einfache Sprache, aus welchem Grund und zu welchem Zweck, und warum wird leichte/einfache Sprache aktuell so sehr protegiert? Bei der Diskussion um leichte/einfache Sprache müsste ja nicht nur in den Vordergrund gestellt werden, was sie (Gutes) will, sondern vielmehr auch, welche Risiken sie birgt, und wie sie sich gegenüber nachteiliger Entwicklungen abgrenzt.

Bin gespannt, ob die Leserinnen und Leser hier der Auffassung sind, dass ich mich zu kompliziert ausgedrückt habe – das wäre dann wirklich in jeder Hinsicht sehr schade.

Das Wort haben ab sofort die Leser*innen.

Seid ihr der Auffassung, dass Herr Weigel sich zu kompliziert ausgedrückt hat? Könnt ihr die Argumente in dieser kleinen Diskussion nachvollziehen? 

Was habt ihr dazu zu sagen? Wir freuen uns auf eure Kommentare.

Kategorie Leichte Sprache
Autor

berufliches & kreatives Schreiben Textoptimierung - Texterstellung - Coaching

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