Lektorat

BeraTina - Martina Decker - schreiben

Das Thema Lektorat wird regelmäßig und kontrovers diskutiert. Die Contra-Seite führt vor allem die Kosten ins Feld; die Pro-Seite den Nutzen für den Leser und das Image des Autoren. Was eher selten genannt wird, ist das Entwicklungspotenzial, das ein engagiertes Lektorat dem Autoren und der Geschichte bietet.

Daher ist mein ganz persönlicher Nummer-1-Grund, sich zumindest hin und wieder ein professionelles Lektorat zu gönnen, der Mehrwert für das eigene Schreiben.

Egal, wie gut die Schreibe schon ist … die Zusammenarbeit mit einem/einer LektorIn wird sie weiter verbessern und gibt ihr neue Impulse – vorausgesetzt, man ist bereit und in der Lage, die eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen, Kritik als Chance zu bewerten, und LektorIn und Autor arbeiten auf Augenhöhe und respektvoll miteinander.

Erst kürzlich hatte ich wieder das Vergnügen – zwei Geschichten – Umfang je knapp drei Normseiten. Eine vergleichsweise kleine Menge Text gegenüber beispielsweise einem 400seitigen Fantasy – Roman.  Andererseits kommt es gerade in solch kurzen Geschichten auf nahezu jeden Satz an: Füllwörter nehmen Platz weg, der der Story fehlt; im knappen Textvolumen fallen Lieblingsworte störend auf und auch wenige Schreibfehler deutlich mehr ins Gewicht. Vorgaben/Erwartungen, die von Auftraggeber- oder Leserseite gestellt werden, sind dabei zu erfüllen. Die Textsorte muss möglichst gut bedient und natürlich die ganze Geschichte mit minimaler Zeichenzahl erzählt werden.

Es gilt, die große Geschichte mit wenigen Worten ohne Verluste auf den Punkt zu bringen!

Die Vorgabe der Zeichenzahl spielt anfangs für mich nur eine Nebenrolle. Erst einmal schreibe ich die Geschichte einfach runter – dabei spare ich weder an Adjektiven, noch an wortreichen Umschreibungen, wenn sie mir gefallen und passend erscheinen.

Ist die Geschichte dann fertig (= von mir überarbeitet, korrigiert,redigiert), frage ich die tatsächliche Zeichenzahl ab. Die ist grundsätzlich viel zu hoch – dafür erzählt die Geschichte alles, was ich denke, dass sie erzählen muss :O).

Stück für Stück werden jetzt „überflüssige“ Zeichen gesucht und ausgemerzt:

Namen kürzen/ändernJohannes heißt dann Ben, Katharina wird zu Kim –

Selbsterklärendes streichen – das mit allerlei Tassen und Bechern bestückte Schrankfach…

mit Schmackes gegen die Wand gerast – rasen beinhaltet ja schon Schnelligkeit, Wucht …

Blumen duften nach .. – sie duften  Fertig!  / kleiner Zwerg – Zwerge sind sowieso klein / großer Riese – Riesen sind meistens groß  / tote Leiche /schneller Rennwagen… – Anschließend Zeichenzahl prüfen und ggf. den nächsten Durchgang starten.

Von manch schöner Redewendung oder Beschreibung muss man sich tatsächlich verabschieden.

Ein kleiner Trost: Wenn so wenig Raum geboten wird, sind blumige Beschreibungen einfach nicht gewünscht. Und niemand außer dem Schreiber selbst wird sie vermissen.

Am Abgabetermin waren dann alle Vorgaben erfüllt, die Geschichten hatten noch Flair, und ich war immer noch damit zufrieden.

Mehr als das: Ich hatte den verwegenen Gedanken, sie seien eigentlich perfekt.(Was immer ein Problem ist. Nix ist nämlich wirklich perfekt und kann nicht noch verbessert werden).

„Gut – prima – schön….“ schrieb die Lektorin kurz darauf in ihrem Feedback. Die von ihr bearbeitete Textdatei dagegen glich einem mit gerade noch ausreichend bewerteten Schulaufsatz: Kommentare am Rand, Durchstreichungen und Überschreibungen …

Mein Schreiber-Ego maulte. Erst der zweite und dritte Blick offenbarten die Verbesserungen. Hier ein Synonym, da eine veränderte Satzstellung; eine Kürzung, wo ich mich trotz gewissenhafter Überarbeitung ganz eindeutig in Details verloren hatte; Lieblingsworte – unbarmherzig und farbig markiert – so konnte selbst ich sie nicht mehr ignorieren.

Doch damit nicht genug: Der Titel war durchgefallen, ebenso das Ende der Geschichte: – „… ganz nett, aber …“.

Ein neues Ende (er )finden ist schwierig, wenn man das alte gerade erst zu Papier gebracht hat – in voller Überzeugung, das beste Ende aller Zeiten geschrieben zu haben.

DAS ist der Moment, an dem der eingangs erwähnte Mehrwert eines professionellen Lektorats für mich einsetzt. Denn das Lektorat ist ein Angebot – zum Gespräch miteinander über den Text. Über Ziele und Motive, Erwartungen und Möglichkeiten.

Das Lektorat gibt Feedback, wo es noch hakt – im Stil, im Ausdruck, dem Aufbau, der Form …auch und gerade dann, wenn man das selbst nicht auf dem Schirm hat.

Das Lektorat bringt neue Ideen ins Gespräch; findet andere Worte, die den eigenen Wortschatz bereichern können/werden.

Wobei man als Autor nicht jede Änderung übernehmen muss. Aber drüber nachdenken muss/sollte man schon. Manchmal sind fremde Ausdrücke aber so fremd, dass sich alles dagegen sträubt. Darüber kann man dann reden, und es wird sich eine Lösung finden.

Abstand ist das beste Mittel für neue Enden (und generell für Überarbeitungen).

Mit Abstand blickt man wieder über den Tellerrand hinaus – neue „Motive“, neue Perspektive, neue Möglichkeiten. Mit Abstand werden die Einwände des Lektorats nachvollziehbar.

Ich habe viele (nicht alle!) Anregungen übernommen, einfach, weil sie besser passten! Und weil die Erläuterungen entsprechend waren. Auch ein neues Ende konnte war bald gefunden. Lediglich die Sache mit der Überschrift: Ich kann keine Überschriften! Besonders bei kurzen Geschichten hadere ich damit. Eine Überschrift soll zur Geschichte passen; das Thema zeigen; nicht zu viel verraten; kurz sein …. „Meier und die Müllerin“ ist da schon fast zu viel – finde ich – aber ich kann ja keine Überschriften und bin in dieser Sache kein guter Ratgeber :O)

Kurz und gut: Die Geschichten gingen zweimal hin und her. Ich änderte – das Lektorat merkte an – ich änderte – das Lektorat fand ein passende Überschrift (Danke!) – ich nickte sie erleichtert ab und die Sache war erledigt.

Im Ergebnis hatte ich jetzt gut funktionierende, schöne runde Geschichten

entsprechend den geforderten Rahmenbedingungen. Sie kommen ohne blumige Umschreibungen aus und enthalten doch genügend Details, um Bilder im Kopf der Leser zu erzeugen. Und ich hab ne Menge gelernt und kenne meine aktuellen Lieblingswörter. Auf sie werde ich in nächster Zeit ein besonderes Auge haben – und deswegen vermutlich auf neue Lieblingswörter umsteigen. Aber die kann dann das nächste Lektorat finden.

Viele Grüße BeraTina