Bunt Vermischtes

Schreiben – wenn persönlich zu persönlich ist

Persönlich ist manchmal zu sehr persönlich - das richtige Maß an Nahe und Distanz - BeraTina

Kommunikation zwischen Nähe und Distanz

Leseransprache und Lesererwartung wie nah darf ich kommen, fragt BeraTina
© Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Bremen e.V., Illustrator Stefan Albers, Atelier Fleetinsel, 2013

Im Film Dirty Dancing wird eine klare Unterscheidung der Tanzbereiche in „Dein“ und „Mein“  getroffen. Grenzen werden gesetzt – Grenzen, die dafür sorgen, dass der Tanz gelingt und sich die Tanzpartner nicht gegenseitig auf den Füßen stehen.

Auch im persönlichen Kontakt halten wir – je nach Kulturkreis und persönlicher Beziehung – Menschen mal mehr, mal weniger auf Abstand.  Generell darf ich aber wohl sagen: Je fremder mir jemand ist, desto größer ist der Abstand. In Deutschland beträgt er circa einen Meter, um als angenehm und für ein gutes Gespräch unter „Fremden“ als passend empfunden zu werden.  Dazu kommen regionale Unterschiede – also zum Beispiel auch, ob es Küsschen oder Umarmungen geben sollte oder nicht.

Dieses „Bitte den passenden Abstand wahren“ gilt auch in der schriftlichen Kommunikation.  Fremden gegenüber möchten wir nicht gleich zu vertraulich und zu persönlich werden.  

Die Dosis macht das Gift – auch beim Schreiben

Authentisch sein, mit den eigenen Gefühlen nicht hinterm Berg halten und auf den anderen eingehen … das ist wichtig, um glaubwürdig zu sein und eine erste vertrauensvolle Basis zu schaffen. Dennoch sollte der aktuelle Beziehungsstatus nicht gänzlich ignoriert werden. 

  • Hatten wir schon mal Kontakt?
  • Wenn ja, wie ist es da gelaufen? Worum ging es?
  • Wird man sich noch daran erinnern?
  • Haben wir Gemeinsamkeiten wie ein gemeinsames Thema? Gemeinsame Wünsche? Gemeinsame Freunde/Bekannte?
  • Ergänzen wir uns vielleicht gut? Hier das Angebot, dort die Suche?
  • Komme ich über den richtigen „Kanal“ und der dafür geeigneten Weise auf meinen Kontakt zu?

Grau ist alle Theorie – in bunten Farben zeigt sich das Leben

Merke: Der schönste Text taugt nichts und das beste Angebot ist dahin, wenn der Leser sich nicht oder falsch angesprochen fühlt.

Während der Schreiber in der Regel zumindest weiß, wen er und warum er jemandem eine Text-Botschaft zukommen lässt, kann es sein, dass der Empfänger völlig überrascht ist:

  • weil der Ort der Zustellung unerwartet ist –> Du sitzt gemütlich im Café und plötzlich steht der Paketbote neben dem Tisch und hält dir deine Lieferung eines Online-Shops hin.
  • weil der Zeitpunkt unerwartet ist –> Das Paket wird an einem Sonntag zugestellt, obwohl der nette Paketbote doch immer sagt, dass er da auch frei hat.
  • weil das Angebot unerwartet kommt – Du hast überhaupt nichts bestellt. Wieso bekommst du ein Päckchen?

Nachrichten – überraschend – privat – (zu) persönlich?

Vor ein paar Tagen erhielt meine Freundin Mia diese freundliche Nachricht :

Allerliebste Mia, Dein zauberhaftes Lächeln hat mich total umgehauen. Bitte, möchtest Du mich persönlich kennenlernen? Mit verzückten Grüßen Dein XYZ

Während du vielleicht ein zweites Mal liest, hast du unter Umständen gerade schon eine Idee, wo diese Nachricht geschrieben worden sein könnte – das ist die Leser-Erwartung. Beinahe sofort geht das Kopfkino an und aufgrund deiner Erfahrung, Erlebtem und Gehörtem stellst du  eine Theorie auf:

  • Dating-Portal?
  • In einer Bar – eilig auf eine Serviette gekritzelt?
  • Während eines Business-Meetings mit Kollegen aus nah und fern?
  • In einem Sozialen Netzwerk?
  • Ganz wo anders?
BeraTina ohne Kontext ist von Kaffee trinken bis Romantik alles möglich
© Lebenshilfe für Menschen
mit geistiger Behinderung Bremen e.V.,
Illustrator Stefan Albers,
Atelier Fleetinsel, 2013

Während du ein drittes Mal liest, bekommst du nun womöglich auch eine Vorstellung davon, wo das hinführen könnte: Von einer mehr oder weniger unverbindlichen Einladung auf einen Kaffee bis zu „Ich suche den Partner fürs Leben“ wäre auch hier wieder vieles denkbar.

Text braucht Kontext

Einen Rahmen, in den er passt. In den er sich schmiegt und wo man hinschaut und es schön findet. Wo man sich verbunden fühlt. Damit unser Kopfkino sich den Film im richtigen Genre aussucht.

Ein und derselbe Text kann an unterschiedlichen Stellen völlig anders wirken.

„Ich habe dich zum Fressen gerne!“

Wenn das das Monster zur entführten Forscherin sagt, wird’s gruselig.

Sagt es aber der junge Mann zu seiner Liebsten und knabbert ihr dabei noch am Ohrläppchen …

Zurück zur Nachricht an Mia.  Die oben erwähnten Möglichkeiten:

  • Kontext „Dating-Portal“: Mitgliedschaft und natürlich das eigene Profil signalisieren, dass man auf der Suche ist. Herr XYZ hat Mia „entdeckt“ und fragt nun freundlich nach. Da beide ledig und los und bereit für was „Neues“ sind, empfindet Mia es nicht als doofe Anmache, fühlt sich ein bisschen geschmeichelt – vielleicht hat ja schon längere Zeit niemand mehr ihr „zauberhaftes“ Lächeln bemerkt – und schaut sich im Gegenzug sein Profil an. Potenzial für ein Happy End. Klare Sache: Die Nachricht passt in diesen Kontext. 
  • Kontext „In einer Bar“: Mia war mit einer Freundin dort. Sie hatten super viel Spaß, ein paar Cocktails und haben geflirtet, was das Zeug hält. Herr XYZ war auch da. Aber er ist ein bisschen schüchtern – im persönlichen Kontakt – und zeigt ihr seine Gefühle mittels schriftlicher Botschaft. Ob sie darauf eingehen wird , hängt von einigen Faktoren ab: Ist sie Single? Ist sie auf „der Suche“? Ist er ihr Typ? Jedenfalls wird sie ihm diese Nachricht wohl nicht übel nehmen und sich freuen über die netten Worte und Komplimente. Ich denke mal, das passt auch.
  • Kontext „Während eines Business-Meetings“ mit Kollegen von nah und fern  und in der Annahme, dass man sich nicht auf der Abschluss-Party oder spät in der Nacht in der Hotel-Bar befindet: Der Fokus liegt auf dem beruflichen Austausch – neue Ziele, Methoden, Pläne … Alle sind Fremde – mehr oder weniger – und Kollegen. Auch nach jahrelanger guter Zusammenarbeit. Unpassend: Das „zauberhaft“ kann hier also durchaus schon als Übertretung einer Grenze angesehen werden und hat zumindest den Touch von Distanzlosigkeit und unangemessener Vertraulichkeit.
Im Gespräch lassen sich unterschiedliche Wahrnehmungen abklären BeraTina
© Lebenshilfe für Menschen
mit geistiger Behinderung Bremen e.V.,
Illustrator Stefan Albers,
Atelier Fleetinsel, 2013

Nun kann man(n) sich durchaus auch mal irren. Nicht immer ist gerade die non-verbale Kommunikation so eindeutig, dass jeder sofort alles versteht. Und die Interpretation des Gesehenen hängt zu einem Teil auch davon ab, was wir sehen wollen. Ist also mal ein falscher  Eindruck entstanden, sollte das Missverständnis in aller Form und ohne viel Palaver aufgeklärt werden.

Klar: Der macht Ton die Musik

„Dein zauberhaftes Lächeln …“ als nettes Kompliment in der passenden Situation ist sicherlich nicht anstößig und wird gerne gehört und angenommen.

Bleibt noch der

  • Kontext „Soziales Netzwerk“: Wer in einem der vielen Netzwerke einen Account hat, möchte sich vernetzen. Möchte „Freunde“ finden und Kontakte knüpfen. Es geht um Informations-Austausch und Inspirationen, um Meinungen und Selbstdarstellung, die ihr Publikum suchen. So unterschiedlich wie die Menschen sind auch die Profile und das, was sie sich von diesem System versprechen. Die Beispielnachricht mag an der einen Stelle Freude machen, an anderer eher für Verwunderung oder gar Wut und Zorn sorgen. Grenzwertig und in Bezug auf Mia völlig unpassend: Der Blick auf das Profil besagter Freundin verrät: verheiratet! Das hätte Herr YXZ sehen können. Auch sonst gibt es – meiner Ansicht nach – nichts, was den Schluss zuließe, sie würde gerne andere Männer treffen wollen.

Lerne die kennen, denen oder für die du schreibst

Mia, ich und unzählige andere sind an diesem Ort zum Netzwerken und um in Kontakt zu bleiben mit fernen Freunden und Familie. Wir finden es toll, neue Freunde zu finden und neue Welten zu entdecken. Wir nehmen mit Freude Freundschaftsanfragen an, wenn wir dahinter Interesse an unserem Tun vermuten. Oder auch an uns als wie auch immer interessante Personen. Oder wenn wir selbst neugierig interessiert sind am Tun des anderen.

Interesse aber bedeutet nicht zuletzt, dass sich jemand auch mit mir bzw. meinem Profil beschäftigt hat. Dann läuft er auch nicht Gefahr, ungebeten mit der Tür ins Haus zu fallen und Angebote zu offerieren, für die augenscheinlich gar kein Bedarf besteht.

Mia bekam die Nachricht in einem Sozialen Netzwerk – mit Herzchengedöns. Sie kennt Herrn XYZ nicht und hatte bisher weder beruflich noch privat mit ihm zu tun. Sie war überrascht, ein wenig überrumpelt und im Zwiespalt, wie sie darauf reagieren sollte. Ob sie überhaupt reagieren sollte.

Herr XYZ ist kein John, Bill, Karl-Heinz oder Mike … also keiner dieser Herren, die eine schnieke Uniform tragen, neben sich auf dem Profil-Foto wahlweise ein Kind mit großen Kulleraugen, ein Welpe oder – männlich-markant – ein Panzer, ein Flugzeug oder lebensfeindliche Wüste. Herr XYZ kommt aus Hamburg, München oder Klein-Hinterdorf, trägt Anzug und Krawatte und wirkt auf seinem Profilfoto sympathisch, freundlich und wie ein netter Nachbar.  Was bitte mochte ihn dazu bewogen haben? Ein Versehen vielleicht? Ein im Überschwang der Gefühle formulierter Zu-nahe-Tritt? Oder gab es doch irgendwas, das Mia geschrieben, kommentiert oder geteilt hatte, dass … ?

Minimiere das Risiko abschlägiger Bescheide und Absagen

Recherchieren heißt Fragen stellen sagt BeraTina
© Lebenshilfe für Menschen
mit geistiger Behinderung Bremen e.V.,
Illustrator Stefan Albers,
Atelier Fleetinsel, 2013

Egal welches Angebot du offerierst – ob dich selbst als potenziellen Partner oder ein Produkt: Zuerst sollte der Bedarf abgeklärt und die mögliche Interessengruppe mit all ihren Wünschen, Ansprüchen und Themen klar definiert sein.

Weißt du, wie du sie ansprechen wirst? Weißt du, was sie von dir hören wollen? Finde es heraus – mit Recherche. Beachte auch den Kontext, in dem du dich mitteilst und vermeide so gekonnt Missverständnisse, Unverständniss oder schnöde Ignoranz.

Richtige Leser-Ansprache: vielleicht schwierig, aber nicht unmöglich

Der Leser ist in der Mehrheit stets gewillt, sein Bestes zu geben, um den Schreiber zu verstehen. Auch Mia war hin- und hergerissen zwischen der schlichten Freude, dass da jemand ist, dem ihr Lächeln gefällt und der Unsicherheit, wie darauf adäquat zu reagieren sei.

Keinesfalls wollte Sie einem fremden, netten Menschen vor den Kopf stoßen. In ihrer Fantasie malte sie sich trübselige und dramatische Szenen aus. Doch ebenso war sie sich sicher: Sie wollte kein persönliches Kennenlernen.

Das Formulieren von freundlichen, aber bestimmten Absagen

ist nicht einfach: Kontext, Ansprache, richtigen Wortwahl. Man will authentisch bleiben, deutlich sein, aber auch niemandem unrecht tun, keine dramatischen Szenen provozieren und dennoch klar sein.

Mias Antwort nach zähem Ringen mit sich selbst und der Frage, ob sie überhaupt antworten sollte, fiel dann so aus:

Sehr geehrter Herr XYZ, wie nett, dass Ihnen mein Lächeln gefällt. Mein Mann sagt das auch oft. Überrascht hat mich allerdings Ihre sehr vertrauliche Anrede – wir kennen uns doch gar nicht! Trotz Ihrer freundlichen Anfrage: Von einem persönlichen Kennenlernen möchte ich absehen. Nach einem Blick auf Ihr Profil scheint es mir, dass wir keine gemeinsame Interessen haben. Mit freundlichen Grüßen Mia

 

Hier noch ein etwas älterer, aber immer noch aktueller Beitrag zu Schreiber, Leser und Lesererwartung  

 

 

 

 

über

berufliches & kreatives Schreiben Textoptimierung - Texterstellung - Coaching

0 Kommentare zu “Schreiben – wenn persönlich zu persönlich ist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Protected with IP Blacklist CloudIP Blacklist Cloud
%d Bloggern gefällt das: