Zeitgeschichte aus der Erinnerung

Heute ist der 3. Oktober. Deutschland feiert den Tag der Deutschen Einheit.
Vor Jahren habe ich mich im Rahmen einer Zeitzeugen-Geschichte erinnert … an eine Schülerreise nach Berlin.
Ist als Text vielleicht nichts besonders Großartiges, aber Gedenktagen – finde ich – darf litararisches Handwerk auch mal hinter dem Inhalt zurückbleiben.
Damals sah es am Brandenburger Tor noch so aus :
Brandenburger Tor 1982kl
Es sind die Fotos von dieser Reise, die alten Fahrkarten und auch die Gästekarte, die die Erinnerung wach halten. Fragmente einer Zeit, die heute Geschichte ist.
Und ein winziges Stück davon durfte ich miterleben – auf einer…

Schülerreise nach Berlin 1982
(c) Martina Decker

„Och, Herr Stauber! Müssen wir denn wirklich nach Berlin?“
Stefanie hatte sich eindringlich zu Wort gemeldet und nicht eher Ruhe gegeben, bis Herr Stauber sie drangenommen hatte.
„Stefanie! Wir haben jetzt Geschichte. Die Klassenleiterstunde war um acht.“
„Aber Herr Stauber!“
Stefanie probierte es mit Augenaufschlag.
„Nichts aber!“
Herr Stauber war gegenüber Augenaufschlägen seiner Schülerinnen im Allgemeinen und bei Stefanie im Speziellen gänzlich immun.
„Die Reise nach Berlin ist beschlossen und gebucht. Im Übrigen freuen sich Eure Eltern, denn der Zuschuss von Vater Staat ist nicht ganz unerheblich. In Bonn lässt man sich Eure Bildung einiges kosten.“
„Wir würden aber viel lieber nach Köln fahren oder München. Da gibt es doch auch Kultur.“
„Ja ja, und eine Boutique neben der anderen“ antwortete Herr Stauber mit einem wissenden Lächeln.
„Thema durch! Es geht nach Berlin! Party machen könnt ihr in den Ferien.“

Ost-Berlin war das Ziel unserer Abschlussfahrt. Noch ein halbes Jahr bis zum Abitur. Dann würde der Ernst des Lebens Einzug halten und die Schule war der Ansicht, man müsse uns nun endlich auch den Ernst der Teilung Deutschlands und seiner Geschichte nahe bringen.
Wochenlang quälten uns Deutsch- und Geschichtslehrer mit den Details zur deutschen Teilung. Referate wurden erteilt, Filme angesehen, Bücher gelesen. Thilo Vogelsangs „Das geteilte Deutschland“ diente dabei als Grundlagenvermittler: Deutschland nach der Kapitulation, Entstehung von DDR und BRD, Adenauers Außenpolitik und natürlich das Berlinproblem.

„Sag mal, interessiert das eigentlich noch jemanden?“ fragte Jan in einer Pause in die Runde.
„Also, mich nicht!“ antwortete Heiko.
„Wir haben den Krieg doch nicht verloren. Jetzt ist es nun mal so. Eine Grenze mehr oder weniger…“
„Aber so mitten in der Stadt. So mitten durch. Eigentlich doch unvorstellbar, findet ihr nicht?“
Miriam hatte schon in der Grundschule immer ein besonderes Gefühl für soziale Ungerechtigkeiten gehabt.
„Und die ganzen Familien, die so plötzlich von einander getrennt worden sind.“
„Jetzt fang nur noch an zu heulen!“
Jan schaute sie kopfschüttelnd an.
„Dafür kann ich auch nichts, und du nicht, und du und du….“

Am 28. Juni pünktlich morgens um sieben verstauten wir Rucksäcke und Taschen in den Reisebus. War auch das Ziel unserer Meinung nach langweilig – wir waren es nicht und entschlossen, das Beste aus den folgenden drei Tagen herauszuholen.
Bis zur Grenze war es eine ganz normale Reise: Quatschen, schlafen, Karten spielen. Dann hieß es, den Bus zu verlassen. Grenzer untersuchten penibel unser Gepäck und kontrollierten die Pässe. Stacheldraht und scharfe Waffen – der erste Eindruck der deutsch-deutschen Grenze.
Am frühen Nachmittag erreichten wir das Jugendtouristenhotel Egon Schulz, DDR-1136 Berlin in der Franz-Mett-Strasse.
Ein ziegelroter, quadratischer Bau mit dekorativen Stahlelementen und weiß eingefassten Fenstern.

„Sieht auch nicht anders aus, wie die Jugendherberge bei uns, oder?“
Michaela hatte ihren Rucksack geschultert und schaute ein wenig enttäuscht drein.
„Was hast Du erwartet?“
Sabine sah zu ihr hoch. Sie suchte gerade in der kleinen Reisetasche nach ihrer Haarbürste.
„Weiß auch nicht! Aber dafür, dass die hier nichts haben, ist es ganz schön. Ich dachte irgendwie… ach, ich weiß auch nicht.“
Das Haus war umgeben von großen Grünflächen und mittendrin stand eine Baumgruppe. Hendrik blieb neben den beiden Mädchen stehen. Mit einem Kopfnicken deutete er auf den schattigen Platz unter den Bäumen.
„Heute Abend machen wir es uns da gemütlich.“
Er tätschelte seinen Gitarrenkoffer.
„Wir singen ein bisschen und werden viel Spaß haben. Seid ihr dabei?“
„Klar! Mit Dir doch immer.“
Es gab kein Mädchen in der Gruppe, das Hendrik nicht wenigsten ein bisschen anschmachtete.

Mehr oder weniger geordnet betraten wir den Eingangsbereich. Herr Stauber und Frau Büttner standen schon an der Rezeption und übernahmen die Anmeldung.
Wir waren die Gruppe BRD-229. Anreisetag: 28.6.1982 – Abreisetag: 01.7.1982

Jeder von uns bekam eine Gästekarte.
„Immer sechs zusammen in einem Zimmer!“
Herr Stauber kontrollierte die Gruppen.
„Und die Jungs haben einen eigenen Block. Weit weg von Mädels – hoffe ich!“ sagte er grinsend. Es war nicht seine erste Abschlussfahrt.
„Jemand, der noch keinen Anschluss gefunden hat?“
Zaghaft ging Elisabeths Hand nach oben. Sie war ganz anders als wir. Ging nie aus, lernte stets fleißig und hatte nur die besten Noten. Während der Anreise hatte sie Vokabeln gelernt! So eine wie sie wollte keiner auf in seiner Gruppe haben. Wir auch nicht, aber es half nichts. Wir mussten. … wir waren nur zu fünft: Miriam, Michaela, Sabine, Ulrike und ich.
„Zimmerschlüssel gibt es an der Rezeption nur nach Vorlage der Karte. Passt mir ja auf, dass die keiner verliert.“
Alle nickten pflichtschuldig.
Fürs Erste waren wir entlassen.

Unser Zimmer hatte die Nummer 403, zu erreichen über Aufgang D.
„Na, da bin ich mal gespannt, wie unsere Suite aussieht.“
Sabine schien auf alles gefasst zu sein. Mit Schwung stieß sie die Tür auf.
Drei Etagenbetten, ein mächtiger Kleiderschrank. Helles Furnierholz, lichtgelbe Tapete, altrosa gestreifte Bettwäsche. Kein Bad – das war am Ende des Ganges.
„Ich will oben schlafen!“
Hektisch warf Michaela ihre Reisetasche auf das von ihr favorisierte Bett.
„OK! Dann breite ich mich unter aus.“
Miriam ließ sich auf die weiche, durchgelegene Matratze plumpsen.
Bett zwei ging an Sabine und Ulrike, Bett drei an Elisabeth und mich.
„Oben oder unten?“
Suchend sah ich mich nach Elisabeth um. Da sie nur kurz mit den Schultern zuckte, entschied ich:
„Dann Du nach unten. Und ich genieße die Aussicht!“

„Hat eine von euch sich mal diese Gästekarte angesehen?“
Sabine klang, als würde sie uns gleich eine Sensation verkünden.
„Passt auf! Ich lese mal vor:
>Die Gästekarten ist nicht auf andere Personen übertragbarDer Verlust der Gästekarte ist sofort dem Empfangspersonal zu melden<.“
„Da gibt es sowieso nur eine, der das passieren kann: Anja!“
Lachend stimmten wir Michaela zu.
Einen Moment ist Sabine still. Sabine überfliegt den weiteren Text und zitiert dann lachend:
„Besucher sind nur in den Aufenthaltsräumen zu empfangen und Spezielle Dienstleistungen werden durch unser Empfangspersonal vermittelt – ob wir uns da einen süßen Jungen bestellen können? Verdammt noch mal, was sind spezielle Dienstleistungen?“
Aus dieser Frage entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in deren Verlauf natürlich auch die ausliegende Hausordnung einbezogen wurde.
Selbstverständlich hielten wir uns nicht an die Hausordnung, die für 22Uhr Bettruhe vorsah und eine maximale Belegung der Zimmer von 6 Personen.
Natürlich hörten wir trotzdem Musik aus dem Transistorradio, das Sabine wagemutig am Zoll vorbei geschmuggelt hatte.
Wir ignorierten das Besuchsverbot und empfingen die süßen Jungs – nicht vom Hotelservice vermittelt, sondern die aus unserer Klasse – in unserem Zimmer.
Und erwartungsgemäß verlor Anja, die immer etwas schusseliger war, als der Rest, ihre Gästekarte und machte den Lehrern damit gehörig Kopfzerbrechen und eine Menge Ärger mit dem Hotelempfang.

Unser erster Ausflug führte uns vor das Brandenburger Tor.
Für einen kurzen Moment war die Gruppe still. Sprachlos schauten wir nach drüben. Die andere Seite zum Greifen nahe und doch unerreichbar.
„Meinst du, die würden mich erschießen, wenn ich jetzt losrenne?“
„Versuchs lieber nicht!“ antwortete ich Klaus.
„Ich fühl mich eingesperrt.“
„Ja, geht mir auch so.“
Eine einfache rot-weiße Schranke verlängert durch feste Metallbarrieren verbot uns den Durchgang. Eigentlich simpel und doch hätte keine Mauer höher, kein Zaun dichter sein können.

Auf dem weiteren Tagesplan stand eine Fahrt mit der Weißen Flotte. Sie sollte uns die Stadt und ihre Schönheit ein wenig näher bringen. Und wenn der Wind auch kalt über unsere Köpfe blies und immer wieder Nieselregen sich feucht auf Haut und Haaren nieder ließ, es war eine gelungene Aktion zum Sonderpreis von 2,50 Mark.

Anschließend durften wir für 0,20 Mark pro Fahrschein mit dem „städtischen Nahverkehr Hauptstadt der DDR, Berlin – BVB oder S-Bahn – auf eigene Faust und in Kleingruppen Berlin erkunden.
Wir spazierten über den Alexanderplatz, verweilten einen Augenblick staunend vor der großen Weltzeituhr und besuchten das KdW.
„Endlich shoppen!“ seufzten wir Mädels. Doch Preise und Exklusivität dieses Kaufhauses dämpften schnell unsere Freude.

Am nächsten Tag waren wir zu einem interkulturellen Austausch eingeladen.
Nach dem bescheidenen Frühstück im Hotel hatte Frau Büttner uns eindringlich erklärt, wie wir uns zu benehmen hatten.
„Haltet euch an die Unterlagen. Keine Extra-Aktionen. Nur, was abgesprochen ist. Und lasst nicht bei jeder Gelegenheit erkennen, was ihr alles habt und die Leute hier nicht! Zurückhaltung ist das, was ich sehen will, klar?“
Dann fuhr uns der Bus in die Stadt. In einem gemütlich eingerichteten Kelleraum begrüßten uns eine kleine Gruppe Jugendlicher und ihr Betreuer.
„Wollt ihr eine Cola?“
„Hier gibt es Cola?“
Corinna sah den Jungen überrascht an.
„Ich dachte…“
Frau Büttner warf ihr einen bitter bösen Blick zu.
„..aber gerne“
Corinna schenkte dem Jungen ihr schönstes Lächeln.
Vorsichtig nippten wir an der braunen Flüssigkeit.
„Wenn das Cola ist, heiße ich Anastasia“
flüsterte Corinna mir zu.
„Ist ja eklig!“
„Halt die Klappe. Frau Büttner guckt schon wieder.“
Ich fühlte mich seltsam unwohl in meinen Wrangler-Jeans und Chucks. Luxuswaren, hier kaum oder gar nicht erhältlich, es sei denn, man hatte Beziehungen oder Devisen. Tatsachen, die wir zwar gewusst hatten, aber hier zum ersten Mal fast leibhaftig spürten. Darum war Oma also immer so scharf auf meine abgelegten Jeans gewesen.
„Was Dir nicht mehr gefällt, daran haben andere noch lange Freude, mein Kind“ hatte sie gesagt. Und dann hatte sie ein Päckchen gepackt, noch Kaffee und Perlons reingesteckt und es an Onkel Willy geschickt. Onkel Willy lebte irgendwo nahe Schwerin, hatte zwei Töchter und da er Rentner war, kam er einmal im Jahr zu Besuch.

Während wir in der einen Ecke saßen, standen unsere Gastgeber in der anderen. Unsichere Blicken wechselten die Seiten, manchmal auch ein scheues Lächeln. Fast schien es, dass trotz aller Bemühungen eine unsichtbare Mauer auch diesen kleinen Raum trennte. Wir kamen nicht wirklich zusammen. Vorformulierte Fragen, vorformulierte Antworten. Erst, als jemand auf die Idee kam, Musik zu machen und zu tanzen, entspannte sich die Situation. Musik verbindet.
Am Ende hatte ich ein für mich sehr wertvolles Geschenk: eine LP der Puhdys – handsigniert vom DJ, dessen braune Augen mich zum Träumen brachten und die Erkenntnis, dass es nette Menschen hüben wie drüben gibt.

Bei der Besichtigung vom Potsdamer Schloss waren wir wieder unter uns. Park und Schloss selbst boten eine herrliche Kulisse für die Gruppenfotos. Unsere Reise näherte sich dem Ende.
Sehr genau prüfte der Zollbeamte jede „Erklärung über mitgeführte Gegenstände und Zahlungsmittel.“
24,05 DM hatte ich bei der Einreise in die DDR eingeführt.
15,05 DM nahm ich wieder mit. Lag es an meiner Sparsamkeit oder doch eher an den fehlenden Einkaufsmöglichkeiten?
Und ich führte folgenden Gegenstände auf, die ich als Geschenk erhalten oder durch Kauf erworben habe, wie es das Formblatt ausdrückte: 1 Schallplatte, 1 Buch, 1 Informationsheft.
Ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte ich, als der Zöllner auch unser Gepäck näher unter die Lupe nahm.
„Hoffentlich findet der nicht die Musikkassette vom Flohmarkt“ flüsterte ich Michaela zu.
Meine Hand umschloss noch etwas fester die Münzen in meiner Jackentaschen. Auch das Mitnehmen von Münzen war nicht erlaubt.
Aber niemand erhob Einwände. Niemand entdeckte meine Schmuggelware.

Bald fährt meine Tochter nach Berlin. Sie hat den Mauerfall nicht erlebt, den Bau erst recht nicht. Sie wird die Beklemmung nicht spüren, nicht eingesperrt sein. Sie wird ein ganz anderes Berlin sehen als ich…

Kategorie Erzählung/Märchen/Kurzgeschichten
Autor

berufliches - akademisches - kreatives- biografisches Schreiben Coaching - Texterstellung - Textoptimierung Kurzgeschichten und mehr... "Wolfskind" - Ein Roman nicht nur für Bad Kreuznach "Auch Schmetterlinge können sterben" - mein Liebesroman 2017 "Lesen & Lauschen - Märchenhaftes" - Märchengeschichten für Groß und Klein mit Illustrationen von Nina Decker